Spannende Wolfsgeschichten und Tierabenteuer - eine Leseprobe - aus Teil 2

Zwei Fremde kommen - aus dem 9. Kapitel

 

    Nach etwa zwei Tagen kam er zurück. Emma der Wolf hatte sich Zeit gelassen, denn zu Hause lag nichts Wichtiges an, das man sofort hätte erledigen müssen. Jeder im Rudel ging seinen Geschäften und Arbeiten nach. Alle Schornsteine der Häuser ließen den Rauch der Öfen gemächlich entweichen. Wie gerade Säulen, ohne Flackern, ohne Zittern strebte der Rauch empor in den blauen Himmel. Emma der Wolf fühlte sich gut. Sein Rudel lebte in Frieden. Wie immer nahm er den Weg ins Dorf, der an dem Spielplatz der Wolfskinder vorbei führte. Einer der beiden Wolfsbrüder, der Hausmeister des Dorfes, reparierte gerade eine Schaukel. Er hatte seinen Freund gesehen und rief ihm zu: »Emma der Wolf, halt, bitte warte!«, legte sein Werkzeug ab und lief zu ihm. Nach einer kurzen und herzlichen Begrüßung begann der Hausmeister ihm aufgeregt mitzuteilen: »Emma der Wolf, man sucht dich überall, wir haben dich nirgendwo gefunden.« »Aber was ist denn geschehen?«, fragte Emma der Wolf ruhig. Augenblicklich berichtete sein Freund, dass gestern zwei Fremde, zwei Leitwölfe, aus einem weit entfernten Land gekommen waren und unbedingt den großen Emma der Wolf sprechen wollten. Sie würden auf keinen Fall dieses Dorf verlassen, ohne nicht vorher mit ihm gesprochen zu haben. Nun spürte auch Emma der Wolf die Dramatik, die sich wohl hinter diesem Besuch verbarg, und fragte: »Wo sind denn die beiden Fremden jetzt? Hat ihnen jemand ein Bett und Essen angeboten?« »Sie sind im Rudelhaus. Der Vorsitzende des Rates der Alten hat ihnen das Gästezimmer dort im Haus zur Verfügung gestellt«, erwiderte der Hausmeister. »So ist es gut«, bemerkte Emma der Wolf und war schon unterwegs zum Rudelhaus.

    Seine Schritte waren nun schneller und in wenigen Augenblicken erreichte er den Eingang des Rudel-hauses. Als er den Konferenzraum betrat, wo die beiden fremden Wölfe mit dem Vorsitzenden des Rates der Alten auf ihn warteten, begrüßte er zuerst die beiden Fremden und dann den Vorsitzenden. Obwohl die Fremden Emma der Wolf noch nie in ihrem Leben gesehen hatten, wussten sie sofort, dieser stattliche und sympathische Wolf konnte nur der große und berühmte Emma der Wolf sein.    

   »Was ist geschehen, welche Sorgen treiben euch diesen weiten Weg zu uns?«, fragte er sie, nachdem alle an dem runden Konferenztisch Platz genommen hatten. Da der Vorsitzende des Rates einen Teil der Geschichte schon erfahren hatte, entschuldigte er sich, um Kaffee und etwas zu essen zu besorgen. Jetzt waren die drei Leitwölfe unter sich.

   »Großer Emma der Wolf«, begann der Ältere der beiden. »Ja, wir sind den weiten Weg gelaufen, weil wir nicht mehr weiter wissen. Zwei große und stolze Rudel, deren Leitwölfe wir sind, Wolfsrudel, die seit vielen Generationen in Freundschaft nebeneinander lebten, immer einander halfen, sind seit einigen Wochen bis auf die schärfsten Wolfszähne verfeindet. Hass und Zwietracht bestimmen jedes Wort, das zwischen zwei Familien der beiden Rudel gewechselt wird. Kein friedliches Wort will gehört werden, kein Schritt auf dem Weg zur Beendigung des Streites will getan werden. Wir wissen nicht weiter.«

    Emma der Wolf saß und hörte nur zu. Er fragte

 

 

 

nicht nach, machte keine Bemerkungen, er saß nur und schenkte all seine Aufmerksamkeit diesen beiden Wölfen, die so traurig und mutlos auf ihren Stühlen hockten.

    Jetzt übernahm der Jüngere der beiden das Wort. Seine Stimme war kraftlos, ja sie klang sogar etwas ängstlich.

   »Großer Emma der Wolf, wir befürchten, dass sich der Streit zwischen diesen beiden Familien auf das gesamte Rudel überträgt. In beiden Rudeln wird schon böse über die jeweils anderen des Nachbarrudels gesprochen. Bestimmt ist das erst der Anfang des großen Unglücks. Auch ich habe, wie hier mein guter Freund und Leitwolf des Nachbarrudels, viele Stunden und Tage versucht, zu vermitteln und Frieden zu stiften. Leider ist es mir nicht gelungen.«

    Mehrere Augenblicke vergingen. Eine betroffene Ruhe um den Tisch herum war zu spüren, als der Ältere der beiden Fremden ergänzte: »Und, stell dir nur vor, sogar einige aus dem Rat der Alten haben schon böse Anschuldigungen erhoben.«

    Wieder kehrte Stille ein. Man hörte nur das schwere Atmen der fremden Leitwölfe. Langsam hob Emma der Wolf seine rechte Pfote, so, als wollte er sie beruhigen, und fragte dann: »Meine guten Freunde, ich teile euren Schmerz, eure große Sorge und eure Furcht, aber sagt mir bitte erst einmal, worüber ist dieser große Streit und tiefe Zorn entbrannt?  Was ist denn geschehen, dass zwei befreundete Rudel sich so erzürnen?«

    Abermals ersetzte die Stille die schnellen Antworten. Es schien, als wenn sich die beiden Wölfe für das schämten, was sie jetzt vortragen und erklären mussten. Der ältere Wolf schaute Emma der Wolf sehr ernst an und begann leise: »Es geht um einen Wolfswelpen, der vor etwa drei Wochen geboren wurde. Aber es sind zwei Wölfinnen da, aus jedem Rudel eine, die den Welpen für sich beanspruchen. Jede von ihnen behauptet fest, nur sie alleine sei die richtige Mutter und die andere hätte das Junge ihr nachts beim Schlafen gestohlen.«

    Diese furchtbare Geschichte brauchte ihre Zeit. Selbst Emma der Wolf benötigte manche Atemzüge, um sie zu verstehen. Er konnte sich nicht erinnern, von solch einem Vorfall schon mal gehört zu haben.

    »Der Streit geht immer weiter und nimmt an Schärfe zu«, ergänzte der Jüngere. »Inzwischen betrachtet jede der Familien, aus denen die beiden Wolfsfrauen kommen, den kleinen Wolf als ihr Eigentum. Man fordert seine Herausgabe oder droht mit fürchterlicher Vergeltung und Rache.«

    In diesem Moment kehrte der Vorsitzende des Rates der Alten zurück. Auf einem Tablett trug er eine Kanne Kaffee, vier große Kaffeebecher und eine Schale, gefüllt mit gebratenen Kaninchenschenkeln. Emma der Wolf nickte ihm dankend zu, wusste er doch, dass ein gutes und kräftiges Essen mit Kaffee die Gemüter der beiden traurigen Gäste etwas aufhellen würde. 

    Nach den ersten Bissen und einem wohltuenden Schluck Kaffee entspannten sich tatsächlich die Mienen der beiden Fremden. Sie spürten eine leichte Befreiung von dieser schmerzenden Last. ...