Spannende Wolfsgeschichten und Tierabenteuer - eine Leseprobe - aus Teil 1

Aufbruch zu den Bären - aus dem 9. Kapitel

 

   Es war nachts kurz vor drei Uhr, als Holunderfee ihn weckte. Draußen war es stockfinster.

   »Junger Wolf, aufstehen«, sagte sie leise und berührte ihn dabei leicht an seiner Schulter. »In etwa fünfzehn Minuten treffen wir uns mit den anderen an der alten Buche am Dorfeingang. Die Zeit reicht noch, einen Schluck warmen Kaffee in der Küche zu trinken. Komm, beeile dich!«

   Schon war Holunderfee wieder in der Küche und kontrollierte noch einmal die zwei Rucksäcke, die sie mitnehmen mussten. In dem kleineren von beiden befanden sich die verschiedenen Moosfladen. Dieser Rucksack war für den jungen Wolf bestimmt. In dem größeren hatte Holunderfee zwei Behälter mit dem Bärensaft und einen kleinen Karton mit ihrer Haus-apotheke verstaut. Ihre Hausapotheke mit den selbstgemachten Heilsalben und dem Verbands-zeug hatte sie immer dabei, wenn sie auf Tour ging. Diesen Rucksack trug sie selbst. An Essen und Trinken wurde nichts mitgenommen. Jedes zusätz-liche Gewicht würde nur das Laufen erschweren. Und außerdem, für die Wölfe war es kein Problem, mal drei, vier oder sogar fünf Tage ohne Essen auszukommen. Und würde der Hunger zu groß werden, müsste man sich unterwegs etwas suchen.

   Sie sprachen nicht viel, als sie zusammen am Tisch saßen und den warmen Kaffee genossen. Eigentlich war es zum Erzählen auch noch viel zu früh. Nur eines wollte Holunderfee dem jungen Wolf noch unbedingt mit auf den Weg geben: »Junger Wolf, bedenke bitte, unser Leitwolf ist auch der Anführer unserer Gruppe. Er ist klug und sehr mutig – aber nie leichtsinnig. Beobachte ihn genau und du wirst viel von ihm lernen können. Und: Gehorche ihm immer aufs Wort!«

   Der junge Wolf setzte seine Tasse ab und ohne zu zögern bestätigte er ihre Bitte mit einem kräftigen »Ja, Holunderfee, versprochen!«

   Auf dem Weg zur alten Buche trafen sie die Freun-din von Holunderfee, die bekannte Bärenkennerin, mit den beiden jungen Wolfsbrüdern. Der junge Wolf freute sich, sie wiederzusehen. Sofort nahmen sie den jungen Wolf in ihre Mitte und gingen nach einer freundlichen Begrüßung gemeinsam weiter.

 

 

   Als sie die alte Buche erreichten, wartete der Leitwolf schon auf sie. Kurz, aber sehr freundschaft-lich begrüßte man sich und ohne viel zu reden, vergewisserte sich der Leitwolf, ob jeder der Gruppe seine verabredeten Sachen dabeihatte. Dann sagte er den drei jungen Wölfen zugewandt: »Ich freue mich, dass ihr drei heute das erste Mal dabei seid. Vielleicht werden die nächsten Tage und Wochen die wichtigsten, interessantesten und vielleicht sogar die gefährlichsten Tage in eurem Leben. Umso wichtiger ist es, dass ihr einige Regeln unbedingt befolgt.«

   Während der Leitwolf in Ruhe, aber mit ernstem Gesichtsausdruck ihnen das sagte, standen die drei jungen Wölfe vor ihm, hörten ihm gespannt und voller Aufmerksamkeit zu, die Ohren gespitzt und die Augen geradewegs auf den Leitwolf gerichtet. »Erstens«, begann er aufzuzählen, »ihr dürft nie nebeneinander und erst recht nicht zu dritt nebeneinander gehen. Wenn ihr nämlich das tut, erzählt ihr euch gegenseitig nur irgendwelche Geschichten und passt nicht auf. Geht also im guten Abstand hintereinander. Zweitens, achtet genau auf Geräusche, vor allen Dingen auf das Rufen und Warnen der Vögel. Ihr Rufen und Warnen verrät uns so manches, was im Wald passiert. Drittens, nehmt mit eurer Nase jede Witterung auf und achtet genau auf die Spuren der anderen Waldbewohner, über die ihr geht.«

    Nach einer kurzen Pause ergänzte der Leitwolf: »Wir werden etwa drei bis vier Nächte brauchen, ehe wir in die Nähe des Bärengebietes kommen. Und denkt immer daran, bevor wir die erste Witterung eines Bären aufgenommen haben, weiß der Bär schon lange vorher, dass wir in sein Gebiet einge-drungen sind.«

   Als der Leitwolf dieses gesagt hatte, erinnerte der junge Wolf sich an die Warnungen seiner Urgroß-mutter.

   Nun warf der Leitwolf Holunderfee und  Bären-kennerin einen Blick zu. Diese nickten und sogleich gingen sie los. In der Regel ging der Leitwolf immer voran und Holunderfee bildete das Schlusslicht.